Interview: Ulrich Ballhausen

Ulrich Ballhausen ist seit 2012 Vorsitzender des Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e.V. (AdB). Zuvor leitete er 15 Jahre lang die Europäische Jugendbildungs- und Begegnungsstätte Weimar (EJBW). Zudem ist er im Beirat der Internationalen Bildungsstätte Krzyżowa (Kreisau) in Polen aktiv und Gründungs- und Vorstandsmitglied der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Thüringen (Mobit).

Frage: Was macht der AdB? Wie ist er entstanden?
UB: Der Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e.V. ist ein bundesweiter Fachverband für politische Jugend- und Erwachsenenbildung mit über 100 Mitgliedseinrichtungen. Hierbei handelt es sich um Bildungsstätten, Heimvolkshochschulen, internationale Begegnungsstätten und Akademien. Neben kleineren Einrichtungen mit einer überschaubaren Zahl von Mitarbeitenden und Bettenkapazitäten sind auch große Träger – etwa die parteinahen Stiftungen – Mitglied. Sie alle sind selbständige Organisationen und dies ist der wichtige Unterschied zu einem Bundesverband. Als Fachverband konzipiert und erprobt der AdB gemeinsam mit seinen Mitgliedseinrichtungen innovative Formate der außerschulischen politischen Bildung und trägt somit letztendlich zum Erhalt und zur Weiterentwicklung der Demokratie bei. Der AdB organisiert den Erfahrungsaustausch unter den Fachkräften in den Mitgliedseinrichtungen, entwickelt Fortbildungsveranstaltungen und Fachtagungen, gibt bildungs- und fachpolitische Impulse und trägt so zur Qualitätsentwicklung in der politischen Bildung, der internationalen Arbeit und in den Mitgliedseinrichtungen bei. Über die engen Kontakte des AdB zu politischen EntscheidungsträgerInnen sowie zu zentralen Institutionen im Bereich der (politischen) Jugend- und Erwachsenenbildung vertritt der AdB die Mitglieder und die politische Bildung im öffentlichen Raum; dies wird zusätzlich unterstützt durch die nationale und internationale Vernetzungsstruktur.

Gegründet wurde dieser Fachverband am 8./9. September 1959 in der Akademie für politische Bildung Tutzing und seit 1962 nennt sich der in seiner kompletten Form „Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e.V. – Unabhängige Institutionen für politische Bildung und Jugendarbeit“. In der damaligen Satzung – und dies gilt natürlich auch noch heute – ist festgehalten worden, dass der „Arbeitskreis unmittelbar und mittelbar die Jugend- und Erwachsenenbildung, insbesondere die politische Bildung, als Element der Weiterbildung fördert“.

Frage: Mit wem kooperieren Sie national und international? Gibt es vergleichbare Institutionen in anderen (EU-)Staaten?
UB: Die wichtigsten Partner auf nationaler Ebene sind der Bundesausschuss Politische Bildung (bap) und die Gemeinsame Initiative der Träger Politischer Jugendbildung (GEMINI). Da es auch auf Länderebene Zusammenschlüsse von Bildungseinrichtungen und Bildungsträgern der politischen Bildung gibt, gehören diese – neben den verschiedenen Jugend- und Wohlfahrtsverbänden sowie zahlreichen sozialen Bewegungen – zu den wichtigen Partnern. Alle weiteren Partner, mit denen wir in unterschiedlicher Weise und zu unterschiedlichen Fragestellungen zusammen arbeiten, hier aufzuzählen, würde den Raum sprengen. Da der AdB zu den wichtigen Zusammenschlüssen der politischen Bildung in Deutschland zählt und die weitaus größte Mitgliederzahl hat, gibt es wohl keinen relevanten staatlichen und zivilgesellschaftlichen Partner, mit dem wir nicht kooperieren.

Auf internationaler Ebene und im Rahmen der internationalen Arbeit spielt das vom AdB gegründete europäische Netzwerk für politische und menschenrechtsorientierte Bildung DARE (Democracy and Human Rights Education in Europe) eine besondere Rolle. Des weiteren der europäische Verband für Erwachsenenbildung (EAEA), die Europäische Plattform der Zivilgesellschaft für lebenslanges Lernen (EUCIS-LLL), die Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. (IJAB) sowie die Jugendwerke und Koordinierungsbüros und die Nationalagentur Jugend für Europa.

Auch auf europäischer bzw. internationaler Ebene gibt es Zusammenschlüsse von Bildungsträgern, insbesondere im Bereich der Menschrechts- und Demokratiebildung sowie der sozialen Arbeit und der Jugendarbeit. Politische Bildung bzw.
Citizenship Education im Selbstverständnis der politischen Bildung in Deutschland und damit des AdB ist bei europäischen Partnern dabei oft weniger, die Schule und die formale Bildung dabei weitaus stärker im Fokus. Erwähnenswert wären in diesem Zusammenhang etwa POLIS und das Demokratiezentrum Wien, CIDEM in Frankreich, CEO (Centrum Edukacji Obywatelskiej) in Polen.

Frage: Wenn Sie sich die Entwicklung des europäischen Integrationsprozesses in der deutsch-polnischen Grenzregion anschauen, wo steht eine gemeinsame, grenzübergreifende Zivilgesellschaft heute? Welche Erfolge gibt es? Wo sehen Sie Entwicklungschancen? Wo machen Sie Schwierigkeiten aus?
UB: Für mich persönlich ist der europäische Vereinigungsprozess, hier natürlich die deutsch-polnische und die deutsch-französische Zusammenarbeit, nach den Ereignissen der letzten Jahrhunderte so etwas wie ein „zeitgeschichtliches Wunder“. Daran arbeiten – und wir wissen, dass man für diese Verständigung permanent etwas tun muss – zahlreiche Initiativen wie etwa die Bildungs- und Begegnungsstätte Schloß Trebnitz, die internationale Bildungsstätte in Krzyżowa (Kreisau), der Verein MitOst oder etwa der Oder-Jugendrat.

Bei meiner Radtour entlang des Oder-Neiße-Radweges konnte ich zudem erleben, wie viel Normalität in der Grenzregion zwischen den Menschen im Lebensalltag entstanden ist. Mich berührt das im Inneren meines Herzens. Andererseits wissen wir aus Erfahrung, wie fragil diese Verbindungslinien sein können und wie schnell Erreichtes wieder in Frage gestellt werden kann.

Begegnung, Kommunikation, Austausch und Zusammenarbeit zwischen Partnern und Menschen bilden für mich weiterhin die entscheidende Grundlage für Frieden und soziale Gerechtigkeit und eben auch für das, was wir früher – und ich finde diesen Begriff auch heute wieder angemessen – Verständigung zwischen den Nationen genannt haben. Gerade der aktuelle Zustand der Europäischen Union und die viel beschworene europäische Wertegemeinschaft zeigen uns doch deutlich – hier brauchen wir uns nur das aktuelle Thema Flucht und Asyl anzuschauen – wie brüchig und oberflächlich diese Prozesse sind und wie wichtig eine kontinuierliche und grenzüberschreitende Arbeit ist.

Frage: Wo sehen Sie besondere Chancen bzw. den Beitrag Ihrer Institution im Zusammenwachsen der europäischen Großregion?
UB: Als Fachverband der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung unterstützt der AdB – so weit dies sinnvoll und notwendig ist – die Arbeit der Mitgliedseinrichtungen durch Beratung, Qualifizierung, Vernetzung, Lobbyarbeit und bildungspolitische Einflussnahme. Auch wenn der AdB zusammen mit seinen Mitgliedseinrichtungen Bildungsprojekte entwickelt und umsetzt, passiert doch die wesentliche Arbeit vor Ort durch die Einrichtungen und die engagierten Personen. Im Wesentlichen kümmern wir uns also um gute Gelingensbedingungen für die Arbeit der Träger. Aufgrund der Vernetzungsstruktur und des politischen Gewichtes des AdB bemühen wir uns darum, dass die Vision Europas als Friedens- und Gerechtigkeitsprojekt nicht als Wirtschaftsprojekt stecken bleibt oder sogar untergeht.

Frage: Bitte beschreiben Sie ein konkretes Projekt Ihres Vereins.
UB: Ich möchte an dieser Stelle, aufgrund des Selbstverständnisses des AdB und um die konkrete Arbeit deutlich zu machen, auf kein konkretes Bildungsprojekt hinweisen, sondern noch einmal die Rolle als Fachverband an drei Beispielen verdeutlichen:

(a) die wesentliche Alltagsarbeit des AdB erfolgt in den Fachkommissionen, die der Vernetzung, dem Fachaustausch und der Qualitätsentwicklung unter den Mitgliedseinrichtungen dienen. In der Kommission Europäische und internationale Arbeit bietet der AdB Raum, sich fachpolitischen und fachpädagogischen Fragestellungen unter einer europäischen und internationalen Perspektive zu stellen;

(b) als Mitträger des schon seit 25 Jahren existierenden Forschung-Praxis-Dialoges internationale Jugendarbeit (FPD-IJA) bemüht sich der AdB um eine intensivierte Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis der internationalen Arbeit und zur Entwicklung und Umsetzung von praxisrelevanten Forschungsvorhaben;

(c) als Mitglied im pädagogischen Beirat der internationalen Bildungsstätte in Krzyżowa engagiert sich der AdB ganz konkret in der Beratung und Unterstützung einer Einrichtung, die sich vor allem der deutsch-polnischen Zusammenarbeit widmet.

Frage: Wenn Sie auf die außerschulische Bildungslandschaft in Deutschland (oder gerne auch in Europa) blicken, was sind die wichtigsten Themen?
UB: Wenn man eine Aufzählung wichtiger Themen der außerschulischen Bildung in Deutschland und Europa vornehmen möchte und dabei die Praxisperspektive der Mitgliedseinrichtungen des AdB mit in den Blick nimmt, so muss man auf die Themen Europa und Globalisierung, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Rechtsextremismus, globale Migration und Bildung für nachhaltige Entwicklung, politische Partizipation und zivilgesellschaftliches Engagement sowie auf arbeitsweltbezogene, interkulturelle oder medienbezogene Fragestellungen verweisen. Selbstverständlich spielt auch die historisch-politische Bildungsarbeit – vor allem in Gedenkstätten – eine wichtige Rolle.

Diese Themen möchte ich an dieser Stelle etwas abstrakter mit jenen fünf europäischen Herausforderungen verknüpfen, auf die Oskar Negt in seinem Buch „Gesellschaftsentwurf Europa“ verwiesen hat und die für mich so etwas wie bildungspolitische und bildungspraktische Orientierungslinien darstellen:

1. Eine erste Herausforderung ist die Auseinandersetzung mit der Frage, was und welche Prozesse die Gesellschaft auseinander treiben? Hier geht es um Bindungsverluste, Identitätsbedrohungen und Kulturelle Erosionskrisen.

2. Die zweite zentrale Herausforderung ist die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Abkopplungsprozessen; hier geht es um die zunehmende Polarisierung zwischen Arm und Reich sowie zwischen Peripherien und Zentren.

3. Die globale Bedrohung der sozialen und ökologischen Lebensgrundlagen stellt eine dritte und

4. der wirtschaftlich-technologische Fortschritt und seine ethisch-soziale Rahmung im Gemeinwohlinteresse eine vierte Herausforderung dar.

5. Die fünfte Herausforderung besteht in mangelnden Teilhabemöglichkeiten, undemokratischen Machtstrukturen, Entpolitisierungsprozessen und dem Verlust von demokratischen Zwischenwelten.

Frage: Wenn Sie sich die Förderpolitik nationaler und internationaler Institutionen ansehen, was läuft gut? Wo sehen Sie Veränderungsbedarf?
UB: Im Grundsatz ist zunächst einmal begrüßenswert, dass es eine Vielzahl unterschiedlicher Fördermöglichkeiten und Förderinstrumente von staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen gibt. Diese Vielfalt macht es Bildungsträgern möglich, für ihre Ideen und Vorhaben geeignete und teilweise auch gut ausgestattete Fördertöpfe zu eröffnen. Andererseits geht diese Entwicklung einher mit einer extremen Ausweitung von zeitlich befristeten Projektförderungen auf Kosten der Förderung von Strukturen und kontinuierlich angelegter Bildungsarbeit. Zudem wechseln in regelmäßigen Abständen die Förderschwerpunkte, sodass Träger ihre Arbeit im schlechtesten Fall immer neu ausrichten und sich diesen Vorgaben anpassen müssen. Gerade die Arbeit mit speziellen Zielgruppen, die Arbeit in internationalen Partnerschaften und Netzwerken oder aber eine pädagogische Arbeit, die demokratische Einstellungen fördern und unterstützen will, lebt und braucht Kontinuität oder – um es mit einem anderen Wort zu sagen: Verlässlichkeit.

Seit Jahren ist zudem festzustellen, dass sich ein Prozess der „Verbetriebswirtschaftlichung“ von pädagogischer Arbeit vollzieht. Dies meint, dass Bildung, wie andere Produkte auch, als Ware gehandelt wird und damit immer mehr den Kriterien von Kosten-Nutzen-Rechnungen, eindimensionaler Outputorientierung und angepasster Marktfähigkeit unterliegt und damit die wesentliche Funktion von Bildung – nämlich das autonome Subjekt zu fördern und Gesellschaftskritik zu sein – verloren geht. Aber auch auf zwei weitere Entwicklungen ist in diesem Zusammenhang hinzuweisen: Trotz aller Ankündigungen oder Bemühungen stellen Antragsverfahren im internationalen Bereich für viele Träger eine hohe Hürde dar; dies führt zu einer zunehmenden Konzentration auf große Träger, die über entsprechende Ressourcen verfügen. Eine zweite Entwicklung sind die fehlenden finanziellen Spielräume für internationale Arbeit auf kommunaler Ebene.

Frage: Wie sehen Sie die Zusammenarbeit von schulischen und außerschulischen Akteuren? Was wäre in Bezug auf diese Zusammenarbeit wünschenswert.
UB: Ganz ehrlich gesagt, zu diesem Thema liegen seit Jahren die Fakten auf dem Tisch! Ich könnte jetzt noch einmal auf die Bedeutung nonformaler Bildungsprozesse im Prozess des lebenslangen Lernens verweisen und auf die zahlreichen Modellprojekte, die zwischen Schule und außerschulischer Bildungsarbeit entwickelt und erfolgreich umgesetzt worden sind; ich könnte noch einmal betonen, dass über die Zusammenarbeit mit Schule auch bisher kaum erreichte Jugendliche angesprochen werden könnten und das die Expertise der nonformalen Bildung die Schule entscheidend bereichern könnte. Aber haben diese Fakten bisher etwas Wesentliches verändert?

Was weiterhin fehlt, und das begleitet mich schon während meiner langjährigen Berufstätigkeit, sind förderrechtliche Klarheiten für eine konzeptionell begründete und bildungspolitisch gewollte Zusammenarbeit zwischen außerschulischer politischer Jugendbildung und Schule! Diese Zusammenarbeit darf nicht allein dem Zufall oder dem Engagement Einzelner überlassen werden, sondern sie muss strukturiert, schulrechtlich und curricular – auf gleicher Augenhöhe zwischen Schule und außerschulischer Bildungsarbeit – verankert werden. Hier sind vor allem die Kultusministerien gefragt!

Frage: Wenn Sie sich etwas für ihre Arbeit und ihren Verein wünschen könnten, was wäre das?
UB: Hier habe ich eigentlich nur zwei Wünsche: eine größere gesellschaftliche Aufmerksamkeit für die politische Bildung und ihre Träger in Politik und breiter Öffentlichkeit und dies nicht immer nur dann, wenn es gesellschaftlich „brennt“, sowie eine nachhaltige, verlässliche Förderung der Basis- und Regelarbeit politischer Bildung, die nicht nur auf Projektförderungen und auf Leuchtturmprojekte setzt!

Wir danken für das Gespräch!

Das Interview führte Nikolaus Teichmüller.

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