Interview: Kornelia Kurowska

Kornelia Kurowska, Jahrgang 1971, ist Vorstandsvorsitzende der Kulturgemeinschaft „Borussia“ in Olsztyn. Sie studierte Germanistik und Pädagogik an der Nikolaus-Kopernikus-Universität in Toruń (Thorn).

NT: Könnten Sie den Tätigkeitsbereich Ihres Vereins kurz darstellen?

KK: Borussia ist eine NGO, die seit 25 Jahren in der Region Ermland-Masuren im Bereich der nonformalen Bildung und Kultur tätig ist. Den Schwerpunkt unserer Arbeit stellt die grenzüberschreitende Arbeit dar. Wir beschäftigen uns vor allem mit dem historischen Kulturerbe der Region. Deren Schutz und Erhaltung sind die Aufgaben, die gemeinsam international zu bewältigen sind, daher initiieren wir auch Kultur- und Bildungsprojekte, ebenfalls über die Grenzen hinaus. Wir sind vor allem in der Region Ermland und Masuren tätig, aber wir beschäftigen uns auch mit dem Phänomen der Grenzregion, der Grenzregionen in Europa und haben so auch Partnerschaften mit anderen NGOs aus anderen Teilen Europas, um sich gemeinsam mit unseren Partnern mit dem Phänomen der Grenzregionen in Europa auseinanderzusetzen. Es ist auch wichtig zu betonen, dass wir durch die historische Situation und die geografische Lage, einerseits eine Region sind, die von kultureller, nationaler und auch konfessioneller Vielfalt geprägt ist. Andererseits haben wir eine etwas komplizierte gesellschaftliche Situation, da nach 1945 sich durch die Zwangsumsiedlungen und Migrationen die Bevölkerung total ausgetauscht hat. Das heißt, dass die Deutschen die Region verlassen haben und vertrieben wurden bzw. ausgewandert sind und in Ermland-Masuren sich dann Polen aus den polnischen Ostgebieten oder aus Zentralpolen und anderen Teilen Polens niedergelassen haben. Wir haben auch, dies ist dann auch historisch bedingt, eine deutsche Minderheit – es sind die Ermländer und Masuren, die da geblieben sind. Außerdem haben wir auch eine sehr starke ukrainische Minderheit. Dies ist wiederum ein Ergebnis der Zwangsumsiedlung im Jahre 1947, der Aktion Weichsel, als die polnischen Ukrainer aus Südpolen, unter anderem nach Ermland-Masuren, zwangsausgesiedelt wurden. Insofern leben wir in einer Region, die auch von sich selbst behauptet, dass sie einerseits multikulturell und multinational ist. Andererseits ist aber das historische Bewusstsein der heutigen Bewohner eigentlich auf einem sehr niedrigen Niveau. Das hat natürlich auch seine Folgen. Nicht alle identifizieren sich mit dem Ort, in dem sie leben, mit dieser Region und ihrer multikulturellen konfessionellen Geschichte. Viele wandern aus, da sie nach besseren Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten suchen. Das ist das eine Phänomen, das andere ist, dass diejenigen, die seit 50-60 Jahren dort leben, die Geschichte der Region und der Orte, wo sie eigentlich zu Hause sind, sehr schlecht oder manchmal überhaupt nicht kennen. Dies hat sich natürlich in den letzten 25 Jahren, im freien Polen, zum Positiven verändert, aber trotzdem ist es eine Situation, die vielleicht im Vergleich zu ganz Polen, zu anderen Teilen Polens, etwas Besonderes ist; dass man bezüglich der gesellschaftlichen Struktur kein Wir-Gefühl verspürt, dass es keine einheitliche Gesellschaft in der Region gibt. Sie ist eher zersplittert. Und wie gesagt, einige fühlen sich in Ermland-Masuren auch nicht unbedingt zu Hause.

NT: Ein Nicht-Zusammengefühl für regionale Bewusstseinslage, dazu hört man starke Forderung einer stärkeren NATO-Präsenz gerade auf der polnischen Ostseite und gleichzeitig der aufkommende Europaskeptizismus. Es wird über ein Kern-Europa geredet, über eine Ausgrenzung polnischer Gebiete wieder quasi aus diesem Kernbereich Europa. Was für Folgen hat die derzeitige politische Lage mit dem Ukraine-Konflikt, mit der Warschau-Politik, mit allem was dazu gehört, der Flüchtlingskrise und so weiter in Bezug auf Ihre gegenwärtige Arbeit?

KK: Es kommen hier natürlich sehr viele Faktoren zusammen. Die Entwicklung in den letzten Jahren und Monaten hat uns natürlich sehr, sehr überrascht. Ich habe von den vielleicht Misserfolgen gesprochen, aber andererseits haben wir als Polen einen langen Weg durchgemacht. Dabei meine ich die letzten 25 Jahre. Vieles hat sich auch zum Positiven verändert. Wir merken aber im Moment, dass das demokratische Polen, sehr schnell entweder am Rande stehen oder auch in Frage gestellt werden könnte. Natürlich sind wir wegen dem russisch-ukrainischen Konflikt als Region von ihm sehr stark betroffen. Einerseits haben wir hier mit der unmittelbare Nachbarschaft zu tun und die Grenze zu Russland ist etwa 100 km von Olsztyn entfernt, also in der Nähe. Anderseits leben auch bei uns in der Region sehr viele Ukrainer und diese Probleme sind uns auch sehr bekannt. Wir haben bisher viele internationale Projekte mit der Ukraine gehabt und anderseits leben in unserer Region auch diejenigen, deren Verwandte direkt dort vom Krieg betroffen werden. Und natürlich hat das auch dazu beigetragen, dass sich vielleicht die mentale Situation in der Region auch ziemlich verändert hat und dass das Misstrauen gegenüber Russland und Russen immer mehr zunimmt. Die Flüchtlingskrise und die Politik der aktuellen polnischen Regierung hinterlässt natürlich auch Spuren in den Reaktionen der Menschen. Trotz der vielen Kontakte, der internationalen und interkulturellen Kontakte zu Russland, zu Deutschland, Litauen, zur Ukraine und zu anderen Ländern in Europa ist ein im Moment wachsendes Misstrauen gegenüber unseren ehemaligen und heutigen Nachbarn zu beobachten. Und grundsätzlich auch eine sehr negative Einstellung zu Flüchtlingen. Ich habe es bereits erwähnt, dass wir eigentlich eine Region sind, die von der Multikulturalität lebt, aber anderseits sind wir, genau wie es in anderen Teilen Polens der Fall ist, eine ziemlich einheitliche Gesellschaft. Das heißt, dass wir unsere Minderheiten haben, dass wir vielleicht einige Besonderheiten, was die Religion angeht, haben – in unserer Region leben Protestanten, Griechisch-Katholische und Orthodoxe. Trotzdem ist aber diese Bereitschaft, mit Menschen aus anderen Kulturkreisen in Kontakt zu treten, sehr, sehr niedrig und das Misstrauen wächst leider. Je weniger Kontakte wir haben, desto mehr Vorurteile wachsen im Moment. Und dies ist eigentlich ein Kreis, in dem wir uns zurzeit drehen und wir finden keinen Ausweg. Die offizielle Propaganda oder auch die Arbeit der Massenmedien führt dazu, dass diese Stimmung eigentlich nur noch negativer wird.

NT: Sie sprachen von 25 Jahren demokratischer Bemühungen in der Zivilgesellschaft in Ermland und Masuren und fragilen Strukturen. Was würde bedeuten, diese Strukturen zu festigen? Was würde gebraucht werden?

KK: Natürlich Kontakte. Aber vielleicht sind Partnerschaften noch wichtiger. Es ist wichtig, dass auch Projektideen umgesetzt werden und dass diese Projekte wirklich in Partnerschaft erarbeitet und dann durchgeführt werden. Ich glaube, dass nur durch diese praktische Begegnung, egal wie – das mag vielleicht nicht originell klingen – aber ich sehe keinen anderen Weg, wie man diese menschlichen Kontakte über die Grenzen hinweg stärken oder überhaupt initiieren könnte. Es muss tatsächlich zu dieser Begegnung kommen, in verschiedenen Kontexten. Natürlich sind auch Schulen, NGOs, Kultur- und Bildungsinstitutionen oder der Privatsektor gefragt. Wie ich bereits gesagt habe, ist die Offenheit einerseits da, aber anderseits ist dies wegen des wachsenden Misstrauens nicht gerade sehr einfach, gemeinsame Projekte zu initiieren und durchzuführen. Man muss schon sehr viel Durchsetzungskraft haben, um das zu machen. Man muss auch die Kompetenzen der potenziellen Partner auf beiden Seiten der Grenze stärken. Wobei wenn ich von der Grenze rede, dann möchte ich nicht nur von der polnisch-russischen Grenze reden. Der polnisch-russische Kontext ist sehr sehr wichtig, aber natürlich nicht weniger wichtig als der deutsch-polnische, polnisch-litauische und so weiter. Es ist also wichtig, dass diese Partnerschaften auch möglichst vielfältig sind.

NT: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Nikolaus Teichmüller

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