Interview: Regina Metz

Das Interview wurde auf der Translimes-Konferenz am 19. Februar 2016 aufgezeichnet.

Nikolaus Teichmüller: Frau Regina Metz, Schulleiterin der Europaschule in Löcknitz. Mögen Sie uns einen kleinen Einblick in das Leben im deutsch-polnischen Gymnasium Löcknitz geben?

Regina Metz: Wir existieren als deutsch-polnisches Gymnasium seit 20 Jahren und beschulen deutsche und polnische Schüler dies- und jenseits der Grenze.Das heißt ganz konkret, dass pro Jahr eine Anzahl von 130 Schülern, die ihren Wohnsitz in Police oder Umgebung hat, also in Polen, bei uns an die Schule kommt und dort ganz normal am regulären Schulbetrieb teilnimmt. Das alleine ist schon eine große Herausforderung, weil diese Kinder natürlich aus einem ganz anderen Lebensumfeld als die deutschen Schüler kommen. Dies war vor 20 Jahren noch viel unterschiedlicher als es das heute ist. Diese Kinder nehmen vor allem auch viel, viel zusätzliche Arbeit in Kauf, um bei uns an der Schule das deutsche, aber auch das polnische Abitur abzulegen.

NT: Und die 130 Schüler aus Police und Umgebung – können die schon Deutsch, wenn sie an die Schule kommen?

RM: Sie können Deutsch und Sie werden entsprechend vorbereitet – an der Schule in Police oder auch an der Grundschule, weil das polnische Schulsystem quasi den Bruch zur 7. Klasse vorsieht. Die ersten Schüler kommen aber schon in der 7. Klasse und unser Partnergymnasium bzw. Partnerlyzeum in Police startet ja auch erst später, aber trotzdem werden diese Schüler mit einem ein- oder zweijährigen Intensivkurs vorbereitet, bei dem sie bis zu acht Stunden Deutsch zusätzlich erhalten.

Diese intensive Vorbereitung betrifft insbesondere die Schüler, die später an die Schule kommen, nicht zur siebten, sondern ab der achten oder neunten Klasse. Die Neuntklässler aus Police haben alle zwei Jahre Vorbereitung. Diese Schüler kommen ja auch nicht deswegen, weil sie sagen: Hallo, ich möchte jetzt gerne nach Deutschland, sondern das ist eine ganz langfristige Entscheidung. Sie werden intensiv in Deutschklassen vorbereitet und müssen eine Prüfung ablegen. Damit können sie am Programm an unserer Schule teilnehmen, wenn sie das entsprechende Prüfungsergebnis erreicht haben. Das heißt, wir halten eine bestimmte Anzahl von Plätzen für sie frei und sagen dann: Die vier, die acht, die zehn Prüfungsbesten dürfen zu uns an die Schule kommen.Wir können leider nie alle nehmen.

NT: Zu viele Anmeldungen, das ist ein schöner Luxus eigentlich.

RM: Ja und nein. Manchmal denke ich, natürlich würden wir auch gerne mehr Policer Schüler nehmen, das würde aber in der Konsequenz bedeuten, dass wir auch mehr polnische Lehrkräfte bräuchten, um den spezifischen Unterricht, den die polnischen Schüler benötigen, um die Matura machen zu können, vorzuhalten. Wir können aber den polnischen Kollegen an der Schule nicht zumuten, in Lerngruppen mit 40 oder 50 Schülern Unterricht zu machen. Deswegen ist ungefähr bei 30 Schülerinnen und Schülern die magische Grenze und so kommen wir am Ende – wenn man das von Klasse sieben bis zwölf durchrechnet – ungefähr auf 130.

Es hat auch noch einen anderen Grund: So ein Gebilde ist sehr sensibel. Wir haben heute (auf der Translimes-Konferenz am 19.02.2016, Anm. d. Redaktion) auch viel gehört, dass ein gegenseitiger Mehrwert oder ein Nutzen entstehen muss. Der ist eigentlich da, auch für die deutsche Seite. Denn bei einer Größe von 450 Schülern, die wir haben, sind 130 sozusagen „Fremdschüler“ ja nicht unerheblich. Bloß wenn diese Gruppe noch weiter wächst, hätte ich auch Bedenken, was die Ausrichtung dieser Schule angeht. Denn wir empfinden uns nicht als polnische Schule, wir empfinden uns in der Bevölkerung in allererster Linie als deutsche Schule. Also die Bevölkerung findet, dieses Gymnasium ist ein deutsches Gymnasium und an das gehen auch polnische Schüler. Das ist immer so ein bisschen eine Gratwanderung.

Daher ist es schwierig, dass in den Klassen das Verhältnis zwischen deutschen und polnischen Schülern nicht mehr stimmt – ursprünglich haben wir gesagt ein Drittel polnische Schüler, zwei Drittel deutsche Schüler. Das kippt jetzt schon automatisch dadurch, dass mehr Polen in Deutschland wohnen, deren Kinder eigentlich ja vom reinen Schulsystem her als deutsche Schüler bewertet werden, sodass wir in ein Verhältnis von Halbe-Halbe kommen. Und wenn das kippt, denke ich, ist das nicht gut, weil die deutsche Bevölkerung ihre Kinder auf diese Schule schickt, weil diese Schule dort ist, wo sie ist.

Für viele deutsche Eltern ist es, anders als bei den polnischen Schülern, oftmals keine bewusste Entscheidung, wo man sagt: Oh, das ist ja ein so tolles Profil, da schicke ich jetzt meine Kinder hin, sondern eher: Ich wohne im Ort, welche Schule ist zuständig? Die? Gut, da geht das Kind hin. Selbstverständlich gehen an unsere Schule auch deutsche Schüler, die sich bewusst für das EDPG entschieden haben - gerade wegen des Profils. Wir haben die Möglichkeit, Schüler zu beschulen, die letztendlich in ganz Deutschland wohnen. Wenn sie einen deutschen Wohnsitz haben, dürfen sie bei uns zur Schule gehen. Wenn die Eltern dafür sorgen, dass die Kinder den Schulweg bewältigen, auch wenn sie "sonst wo" wohnen, das geht, aber dieser Anteil an Kindern ist natürlich nicht so riesengroß, wie der Anteil derer, die da sind, weil sie einfach ihren Wohnsitz in Löcknitz und Umgebung haben

NT: Wie ist das mit den deutschen Schülern – lernen sie auch Polnisch?

RM: Ja, nicht alle, aber das Angebot steht. Das heißt, wir haben als zweite Fremdsprache Französisch oder Polnisch. Das Wahlverhalten ist ungefähr halbe-halbe. Dann ist es so, dass wir – obwohl wir ein deutsch-polnisches Gymnasium sind – offiziell immer noch eine naturwissenschaftliche Ausrichtung haben. Das heißt, wir bieten keine dritte Fremdsprache an, sondern setzen diese Stunden in dem naturwissenschaftlichen Bereich und investieren Output-orientiert – das ist ja das Schlagwort schlechthin – in den Bereichen Mathematik, Naturwissenschaften. Meine Kollegen wären "not amused", wenn ich ihnen diese Stunden wieder wegnehmen würde. Und ich glaube, es wäre auch nicht gut. Aber im Bereich der Lernzeit oder im Ganztagsschulbereich gibt es die Möglichkeit, Polnisch sozusagen im Umgangssprachlichen, ohne Notendruck, einfach zum Erwerb der Sprache und zur Verständigung, zu lernen. Das machen auch viele Schüler.

NT: Wenn wir schon beim Output sind: Sie sprechen von deutschen und polnischen Schülern, von Quoten. Wie ist es denn für die Schüler, sehen sie ihren Freund aus der Klasse, ob der Deutscher oder Pole ist? Gibt es Freundschaften, die nicht an die Nation gebunden sind? Gibt es sie hier vielleicht mehr als woanders?

RM: Ich denke, hier gibt es sie ganz sicher mehr als woanders. Das ist gar keine Frage. Diese Vorstellung, wir machen jetzt Integration und dann setzen wir die eben nebeneinander und dann sagen wir: Ihr sollt jetzt aber Freunde werden – das funktioniert nicht. Das ist blauäugig. Wenn Sie sich selber oder ich mich nach Buxtehude setzen, dann sage ich auch: Manche mag ich, manche mag ich nicht. Das ist völlig egal, was sie für eine Nationalität haben. Sprache ist eine Barriere, insofern sehe ich die Schüler, die polnischer Nationalität sind und in Deutschland leben, als Mediatoren, sie sind für mich Bindeglieder. Bei manchen von diesen Kindern wüsste ich selber nicht, wenn ich gerade nicht auf den Name gucke: Ist es jetzt eigentlich ein Pole oder ein Deutscher? Weil sie so perfekt zweisprachig unterwegs sind und auch so schnell switchen, wenn sie schon im Kindergartenalter in Deutschland gelebt haben und zuhause noch mit ihren Eltern polnisch sprechen, aber in der Schule im Grunde genommen "durchsozialisiert" sind im wahrsten Sinne des Wortes – das sind die Kinder, denen es gelingt letztendlich zu zeigen, dass die Nationalität für viele Dinge völlig unerheblich ist. Und die das dann zwischen A und B prima vermitteln können. Es wäre ein Irrglaube zu denken, dass wir keine Gruppenbildungen hätten. Natürlich rotten sich auch die deutschen Schüler in ihre Cliquen zusammen, weil sie sich auch nachmittags problemloser sehen können als mit ihren Policer Freunden. Und auch die Policer Schüler tun das, aber sie haben alle etwas miteinander zu tun.

Und je älter sie werden, umso mehr ist dann Stettin ein Angelpunkt. Da fahren dann die Schüler mit dem Zug von Löcknitz nach Stettin, mit dem letzten hin und mit dem ersten morgens zurück, um zusammen die Stadt unsicher machen – das möchte man alles gar nicht wirklich wissen. Wir gehen zum Beispiel gemeinsam mit den Kindern auch in die sehr schöne Philharmonie in Stettin. Wir gehen dorthin auch in gemischten Gruppen, versuchen da schon attraktive Aktivitäten anzubieten, aber Freundschaften kann man nicht verordnen und ich halte es auch nicht für sinnvoll.

NT: Gemeinsame Partys oder ins Kino gehen. Was ist – wenn ich mich selbst an die 12. oder 13. Klasse erinnere - mit einem autonomen politischen Bewusstsein? Wie geht das und geht das auch im Gemeinsamen?

RM: Wie leben auf dem Dorf. Löcknitz ist ein Dorf. Dem gegenüber ist Stettin eine Stadt. Das ist ein ganz großer Unterschied. Ich staune immer, weil Wahrnehmung etwas sehr, sehr subjektives ist. Wenn ich vorhin gehört habe: „Ja, außerschulische Bildungsträger, in Polen gibt es nicht so viele...“ – ich habe immer das Gefühl, dass an den polnischen Schulen, insbesondere an unserer Partnerschule eine sehr intensive Projektarbeit betrieben wird. Die ist zwar nicht immer unbedingt mit außerschulischen Partnern verbunden, aber sie ist trotzdem Projektarbeit. Das heißt, sie ist aus dem normalen Unterrichtsgeschehen herausgelöst.

Wir haben da einen sehr fitten Geschichts- und Sozialkundelehrer, der auch bei uns an der Schule die polnischen Schüler unterrichtet und er macht unheimlich viele Europaprojekte, überhaupt viele politische Projekte, also auch sehr lebensnah. Wenn in Polen Wahlen sind, dann macht er mit seinen Klassen Wahlkampf und lässt abstimmen. Also eigentlich ganz einfache Sachen, ganz kleine Dinge, die aber ja zu einem politischen Bewusstsein führen. Insofern habe ich das Gefühl, dass das politische Bewusstsein der polnischen Schüler ein höheres ist als das der deutschen, die ein bisschen das Abbild oder das Spiegelbild der ländlichen Region darstellt. Ein tatsächlich gemeinsames Bewusstsein, daran müssen wir noch arbeiten, muss ich sagen. Aber ich könnte es mir spannend vorstellen.

Momentan gibt es ein gemeinsames Projekt in Planung zwischen den deutschen und den polnischen Schülern unserer Schule sowie den polnischen Schülern aus der Partnerschule, die in Police lernen, in Polen mit einem außerschulischen Bildungsträger aus Polen zu einer Europaproblematik. Und das finde ich spannend. Dafür haben sich die Schüler freiwillig gemeldet. Die Gruppierung, die angesprochen ist, das sind die Zehntklässler. Grundsätzlich haben wir immer das Problem eines Überangebotes an Projekten, aber irgendwann müssen wir auch mal Unterricht machen. Das sage ich auch. Wir haben einen Weg gefunden, bei dem bestimmte Schüler, die gerne zu Projekten fahren, damit leben müssen, dass wir ihnen irgendwann auch sagen: Nein, weil Dir fehlen schlicht auch ein paar Noten. Wir versuchen das ein bisschen zu bündeln, zu sortieren, aber an sich auf dem Gebiet der Freiwilligkeit. Bei dem eben angesprochenen Projekt haben sich insgesamt von der Schule 30 Schüler gemeldet, also Halbe-Halbe deutsche und polnische Schüler – plus dann eben noch 13 oder 15 Schülern aus Police.

Ein europäisches Projekt zu machen, ein europäisches Haus zu bauen, das finde ich wichtig, ich hoffe es findet noch statt. Wir haben es abgesagt, weil der Anbieter, der Dozent krank war. Es sollte eigentlich im Dezember stattfinden. Dann haben wir gesagt: Ok, wir legen das auf den Mai, wir legen das auf den Europatag. Jetzt bin ich ein bisschen gespannt, ob es stattfindet oder ob es nicht stattfindet ob der politischen Lage. Schauen wir mal. Aber da passiert schon was. Wie viel da tatsächlich in den Köpfen der Kinder hängen bleibt, das können wir nicht beurteilen. Wir können immer sagen: Wir haben etwas mitgegeben und wenn sie vielleicht später irgendwo in JWD mal studieren, vielleicht kommt das dann von hinten aus dem Kästchen wieder nach vorne: Habe ich doch schonmal gehört. Das ist so mein Gedankengang. (Anm. d. Redaktion: Das Projekt hat stattgefunden und ist ein Erfolg gewesen!)

NT: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Nikolaus Teichmüller.