Interview: Iga Kamocka, Robert-Schuman-Stiftung

NT: Bitte stellen Sie ihre Stiftung und deren Ziele kurz vor.
IK: Ich heiße Iga Kamocka und vertrete die Polnische Robert-Schuman-Stiftung. Die Stiftung setzt Projekte um, deren Ziel es ist, das bürgerschaftliche Engagement und die Partizipation am öffentlichen Leben und am Leben der lokalen Gesellschaft zu stärken, die europäische Integration zu fördern und die Erfahrungen der systemhaften Transformation Anfang der 90er Jahre zu verbreiten. Die Stiftung wurde 1991 aus der Initiative der Transformationsakteure, u.a. Tadeusz Mazowieckis, des ersten Premierministers des freien Polens, gegründet. Bis 2004 war das Hauptziel der Stiftung der EU-Beitritt Polens und die Verbreitung des Bewusstseins, was die EU eigentlich ist und was ihre Ideen sind.

NT: Mit wem arbeiten Sie hauptsächlich zusammen?
IK: Wir arbeiten mit einer großen Gruppe von Partnern zusammen. Wir führen unterschiedliche Projekte durch. Mit wem wir zusammenarbeiten, hängt dann vom jeweiligen Projekt ab. Es sind Schulen, öffentliche und europäische Institutionen, Behörden sowie Privatunternehmen, andere Nichtregierungsorganisationen, Denkfabriken (Think Tanks), etc.
Viele Projekte richten wir an Jugendgruppen, die grundsätzlich weniger Chancen haben, an ähnlichen Projekten teilzunehmen, z.B. an Jugendliche aus kleineren Ortschaften oder die nicht aus der Woiwodschaft Masowien kommen. Wir bemühen uns auch, unsere Partner zu wechseln, da sich für unsere Projekte oft z.B. dieselben Schulen, mit denen wir schon zusammengearbeitet haben, anmelden. Wir wissen, dass diese Schulen super sind und dass die Zusammenarbeit mit ihnen hervorragend ist, aber ein Projekt mit denselben Jugendlichen zum fünften Mal zu organisieren, macht wirklich wenig Sinn. Es gibt ja Schulen, die noch nie solch eine Chance hatten.
Selbstverständlich haben wir auch internationale Partner. Wir arbeiten mit mehreren europäischen Institutionen zusammen, eben auch deswegen, da wir uns mit dem europäischen Freiwilligendienst im Rahmen des EVS (European Voluntary Service) beschäftigen. Wir sind also eine Aufnahme-, Koordinierungs- und Entsendungsorganisation. Wir werden alltäglich von zwei europäischen Freiwilligen in unserer Stiftung unterstützt, entsenden polnische Freiwillige ins Ausland und helfen auch bei der Vermittlung ausländischer Freiwilliger an andere polnische Institutionen. Außerdem machen wir Projekte, die nicht unmittelbar an Jugendliche gerichtet werden. Wir organisieren Konferenzen, internationale Debatten, z.B. arbeiten wir mit dem Bürgeramt der Hauptstadt Warschau bei der Organisation der Konferenz zur intelligenten Lösungen für Städte zusammen. Bei dieser Konferenz kooperieren wir auch mit Privatunternehmen, die uns unterstützen intelligenten Lösungen zu finden. Wir arbeiten auch mit anderen Nichtregierungsorganisationen zusammen und beteiligen uns an einigen Koalitionen, z. B. der Koalition „Masz Głos - Masz Wybór” (Du hast eine Stimme, Du hast die Wahl), deren Ziel es ist, Menschen zu einer größeren Wahlbeteiligung zu bewegen, oder an einer Koalition für Schülerparlamente, wo Jugendliche schon von den jüngsten Jahren an Selbstbestimmung und demokratische Verfahren lernen sollen.

NT: Kooperieren Sie bereits mit Akteuren oder Institutionen von jenseits der Grenze? Wenn ja, mit wem, wenn nein, gibt es Wunschkooperationspartner?
IK: Wir arbeiten z.B. mit der Europäischen Akademie Berlin, dem Schuman-Haus in Scy-Chazelles in Frankreich, dem Youth Initiative Centre in Gyumri in Armenien, dem Zentrum für Europäische Information „Kreatyv“ aus Winnica in der Ukraine, dem Nexes Interculturals de Joves Per Europa aus Spanien, der Konrad-Adenauer-Stiftung, die eine Vertretung in Polen hat, der Organisation Youth Initiative Centre „Fialta“ aus Belarus oder der Beyond Barriers Association aus Albanien und mit vielen anderen zusammen.

NT: Wie finanzieren Sie sich?
IK: Die Schuman-Stiftung setzt Projekte um, indem sie sich um Fördermittel im Rahmen des Programms Erasmus+, Europa für Bürger oder aus anderen europäischen Fonds oder auch um Schweizer oder Norwegische Fonds bemüht. Außerdem arbeiten wir mit der Konrad-Adenauer-Stiftung zusammen, die uns ebenfalls finanziell unterstützt. Wir bemühen uns auch um Fördergelder aus Warschau, wenn wir also Projekte in Kooperation mit der Stadt durchführen, dann übernimmt das Bürgeramt Warschau einen Teil der Projektkosten. Außerdem versuchen wir auch kommerzielle Sponsoren zu gewinnen. Letztens haben wir z.B. ebenfalls zwei ziemlich große Projekte aus den Mitteln des Europäischen Parlaments durchgeführt - die Fördermittel haben wir im Rahmen einer Ausschreibung erhalten. Wir bemühen uns also unsere Finanzierungsquellen zu diversifizieren, denn sollte eine Finanzierungsquelle wegfallen, dann müssen wir uns doch irgendwie weiter finanzieren können.

NT: Eine letzte  Frage noch: Wenn sie sich die Entwicklung des europäischen Integrationsprozesses in Deutschland, allein in der Grenzregion anschauen, wo steht eine gemeinsame grenzübergreifende Zivilgesellschaft heute, welche Erfolge gibt es, wo sind noch Entwicklungschancen?
IK: Ich glaube, dass Schloß Trebnitz mehr Erfahrungen im Bereich der Zusammenarbeit in der Grenzregion und der Entwicklung der Zivilgesellschaft in Deutschland hat. Wenn es um die gute Entwicklungsrichtungen geht, dann ist die Entwicklung der Zivilgesellschaft, auf jeden Fall eine gute Richtung.

NT: Sprechen Sie hier über die nationale oder europäische Ebene?
IK: Ich würde sagen: auf der lokalen und auf der europäischen. Ich glaube, dass dies zwei Ebenen sind, auf denen man am besten die von uns ergriffenen Maßnahmen sehen kann. Also das Engagement der Menschen für das Leben der lokalen Gemeinschaft, die lokale Integration und das Interesse dafür, was in der unmittelbaren Umgebung passiert - die Schaffung bürgerschaftlicher Verhaltensweisen. Die Schuman-Stiftung beschäftigt sich aber auch mit der Förderung europäischer Integration und europäischer Werte, also des Gedankens, ein(e) Europäer(in) zu sein, der Offenheit anderen gegenüber, der Toleranz, der Zusammenarbeit sowie der Einheit in der Vielfalt.
Und so besuchen unsere europäischen Freiwilligen Schulen. Zurzeit haben wir bei uns zwei hervorragende junge Frauen, eine aus Russland und eine aus Rumänien und diese besuchen zurzeit verschiedene Schulen. Sie haben Präsentationen vorbereitet und die jeweilige Schule oder Institution kann auswählen, worüber sie sich mit den Freiwilligen unterhalten möchte. Meistens möchten sie etwas über die Kultur der Person aus dem anderen Land hören. Unsere Freiwilligen machen aber auch Präsentationen zur Bürgerschaft oder zum europäischen Freiwilligendienst. Sie haben also unterschiedliche Ideen. Aber am häufigsten möchten die Interessierten über die Kultur sprechen.

NT: Vielen Dank.

Das Gespräch führte Nikolaus Teichmüller.

www.schuman.org.pl