Translimes – zwei Jahre transnationale Schulentwicklung. Rück- und Ausblick

Sehr geehrte Damen und Herren,

Heute, am Tag der Zusammenfassung des zweijährigen Projekts „Translimes – Schule in der Grenzregion”, stehe ich mit Vergnügen vor Ihnen und möchte mit Ihnen einige Bemerkungen teilen, die mir gerade in der Endphase dieses Projekts einfallen.

Ziel des Projektes „Translimes” war die Entwicklung des transnationalen Schulprofils für die Schulen in der deutsch-polnischen Grenzregion. Das Profil setzt sich aus diversen Bildungsvorhaben zusammen, welche die deutsch-polnische Grenzregion als interkulturelle Bildungslandschaft berücksichtigen und eine Antwort auf Bedürfnisse und Interessen der in dieser Region lebenden Schülerinnen und Schüler darstellen. Autoren des Schulprofils sind Lehrende, die sich im Rahmen eines Zyklus, bestehend aus fünf Schulungstreffen im Schloß Trebnitz, mit ausgewählten Komponenten der interkulturellen Bildung vertraut machen konnten und gleichzeitig das didaktische Potential der deutsch-polnischen Grenzregion erforschten, um schließlich die  damit verbundenen Themen gemeinsam mit dem restlichen Lehrerkollegium in den Lehrplan aufzunehmen. Somit konnten sie ihr Wissen im Bereich der bestehenden Möglichkeiten für grenzüberschreitende Maßnahmen im Bildungsbereich erweitern. In Zusammenarbeit mit der Schulleitung haben sie Lehrerversammlungen und Schulungen für ihre Kolleginnen und Kollegen organisiert und den Implementierungsprozess einzelner Kapitel des Curriculum in Unterrichtsstunden und außerhalb des Unterrichts, sowohl im schulischen als auch außerschulischen Raum begleitet. Sie nahmen auch im Februar an der Fachkonferenz unter dem Titel „Schulen grenzenlos vernetzen” teil, die Anlass zu Begegnungen und Gesprächen mit VertreterInnen der Vereine und Bildungsstätten aus anderen Grenzregionen war. Sie koordinierten in den letzten Monaten den Dokumentationsprozess der entwickelten Unterrichtseinheiten und Projekte. Die sich darauf beziehenden Unterrichtsmaterialien und methodische Empfehlungen wurden im Archiv im Schloß Trebnitz untergebracht, wo sie zur Verfügung stehen. Das entstandene transnationale Bildungssprofil für jede an dem Projekt beteiligte Schule ist also ein Resultat der Zusammenarbeit von mehreren Personen.

Wenn ich von den am Projekt beteiligten Schulen spreche, dann meine ich folgende vier Grundschulen:
Kleeblatt-Schule in Seelow
Schule am Tornowsee in Pritzhagen
Grundschule Jozef Vervoort in Dolgelin
Grundschule der Freunde der Erde Nr. 2 in Küstrin
und eine Schule im Bereich Sekundarstufe II:
Maria-Skłodowska-Curie Schulverband in Küstrin (bestehend aus einem allgemeinbildenden Lyzeum, technischer Oberschule und Berufsschule).

Jede dieser Schulen kann sich der soliden Erfahrung im Bereich der grenzüberschreitenden Bildung rühmen. Diese Erfahrung wurde durch die Teilnahme am „Translimes”-Projekt in dem lokalen Umfeld noch deutlicher. Worin besteht jedoch die grenzüberschreitende Bildung nach dem „Translimes”-Konzept?
Mit Sicherheit gehören dazu sämtliche didaktische Maßnahmen, welche auf die Überwindung bestehender mentaler Grenzen abzielen. Dies bezieht sich im Kontext der deutsch-polnischen Grenzregion auch auf die territoriale Grenze an der Oder, welche nicht als Trennlinie zwischen den benachbarten Staaten wahrgenommen wird, sondern als Ort der Begegnung, der dem Austausch von Gedanken, Erfahrungen, Gesichtspunkten, Befürchtungen und Hoffnungen dient. Vor allem ist dabei das Moment der Begegnung selbst wichtig, welches sehr bedeutend ist, weil es Charakter und Dynamik der gegenseitigen deutsch-polnischen Beziehungen bestimmt. Das beeinflusst auch wesentlich die Wahrnehmung des Nachbarn, aber auch die Wahrnehmung von sich selbst, die Wahrnehmung des „Fremden” und des „Eigenen”, die Wahrnehmung des Raumes, in dem es zur Begegnung kommt, als dieser unglaublich spannende interkulturelle Raum des grenzüberschreitenden Kontakts. Das alles wirkt sich auch auf die Wahrnehmung der Grenzregion als Gebiet beidseitig der Grenze aus, wobei die Grenze selbst als zentraler Punkt gilt. Die deutsch-polnische Grenzregion als eine relativ junge Grenzregion versucht, mit ihrer Geschichte und dem damit zusammenhängenden spezifischen Charakter des Kulturerbes fertig zu werden. Hierfür spielen Menschen eine entscheidende Rolle – die immer mehr aneinander interessierten Nachbarn. Optimale Voraussetzungen dafür schafft die Struktur der Euroregionen. Gerade auf dieser Ebene findet die deutsch-polnische grenzüberschreitende Zusammenarbeit statt, aus deren Perspektive die Integrität der Grenzregion wesentlich ist.

Die grenzüberschreitende Bildung kann auch als Verlassen der Schemen der schulischen Bildung begriffen werden. Die Bereicherung des Bildungsangebots um Elemente der Methoden mit offenem Charakter, wie z.B. Projektmethoden, Fallanalyse oder Drama oder Methoden der außerschulischen Bildung, wie z.B. Unterricht außerhalb der Schule oder im Rahmen einer Jugendbegegnung, ist eine hervorragende Abwechslung für den Schulalltag. Arbeit mit Schulfächern, die man – im Klassenzimmer oder außerhalb - erfahren, riechen, schmecken, anfassen kann, ändert den Charakter des Lernprozesses. In diesem Zusammenhang bietet die Grenzregion einen Reichtum an Themen und Inhalten, welche in Bezug auf die im Rahmenlehrplan enthaltenen Anweisungen des Ministeriums besprochen werden können.

Regionale Inhalte können in den didaktischen Prozess als solche aufgenommen werden, die „vor Ort” erfahren oder durch ihre medialen Repräsentationen zugänglich gemacht werden (vgl. Badstübner-Kizik 2012, 25; Lis 2012, 447-448). Zu den mit der Region verbundenen, „vor Ort” erfahrbaren Inhalten gehören u.a.:
- Personen (bekannte und unbekannte Einwohner der Region),
- konkrete Objekte im städtischen und ländlichen öffentlichen Raum (z.B. Gebäude: Bahnhof, Postamt, Kirche, Schloss usw., Denkmäler, Obelisken, Gedenktafeln, Friedhöfe, Parkanlagen, Schlachtfelder), die sowohl in der Wirklichkeit als auch in Erinnerungen existieren,
- mit der Region verbundene Ereignisse,
- Regionale Assoziationen und Konnotationen (z.B. „Grenze”, „Grenzstadt”, „Grenzregion”, „Euroregion”, „wirtschaftliche Schwäche”, „Schmuggel”, „Hochwasser”, „Umweltschutz”).

Die mit der Region verbundenen, durch deren mediale Form verfügbaren Inhalte haben in der Regel mobilen oder vorübergehenden Charakter und treten u.a. in folgender Form auf:
- Heimatstuben und Regionalsammlungen zu konkreten Personen oder Ereignissen (z.B. Dauer- und Sonderausstellungen in Museen und Heimatstuben in Schulen),
- Bilder, Postkarten, Briefmarken, Münzen, Gegenstände des täglichen Gebrauchs,
- historische und gegenwärtige Unterlagen (z.B. Geburtsurkunden, Heiratsurkunden, Schulzeugnisse),
- Veröffentlichungen zu der Region (z.B.: Belletristik, wissenschaftliche Texte, Alben),
- Pressebeiträge mit der regionalen Thematik, Rundfunk- und Fernsehsendungen der regionalen und überregionalen Sender.

Eine Arbeit mit Themen und Inhalten, welche die von den Schülern bewohnte Grenzregion betreffen, wirkt sich auf ihre Lernmotivation aus – sie lernen gerne, indem sie in der Schule mit dem lokalen Umfeld verbundene Fragen erörtern, und sie bemerken die pragmatische Dimension des Lernens, denn sich setzen sich mit etwas auseinander, was sie direkt betrifft. Sie bemühen sich zugleich, die Gesellschaft zu verstehen, deren Teil sie sind, und sie lernen am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, um deren Zukunft gemeinsam zu gestalten. Das wiederum ist ein konkreter Schritt zur zivilgesellschaftlichen Partizipation.

Dies alles hängt zudem eng mit den Interessen der SchülerInnen zusammen. Die im Herbst 2013 durchgeführte Umfrage unter 341 GymnasiastInnen und 200 SchülerInnen weiterführender Schulen (Sekundarstufe II) im polnischen Teil der Euroregion Pro Europa Viadrina weist darauf hin, dass 47% GymnasiastInnen und 55% Schüler weiterführender Schulen sich lebhaft für die für ihren Wohnort wichtigen Themen interessieren. Wenn man diese Interessen aufmerksam untersucht, kann man feststellen, dass zwar im unterschiedlichen Grad (je nach Alter), aber immerhin Fragen im Bereich der Geschichte, Kultur oder Arbeitsmarkt in der deutsch-polnischen Region dominieren (vgl. Lis 2015). Unter diesen im Prozess der Gestaltung der lokalen Identität der SchülerInnen enorm wichtigen Aspekten, ist der dritte von ihnen – Arbeitsmarkt in der Grenzregion – wohl der deutlichste Indikator dafür, dass junge Einwohner der Mittleren Oder die berufliche Aktivität in der Region in Erwägung ziehen, indem sie Chancen u.a. aus der deutsch-polnischen grenzübergreifenden wirtschaftlichen Zusammenarbeit erkennen. Daher ist es so wichtig, dass die Schulen sich für jegliche Kooperationen mit lokalen Firmen und Unternehmen auf beiden Seiten der Grenze öffnen, die einerseits auf die attraktive Gestaltung und andererseits auf die Konkretisierung der Berufsbildung ausgerichtet sind, vor allem im Bereich der weiterführenden Schulen. Die Erweiterung des Lehrplans um die für SchülerInnen interessanten Aspekte und somit die Reaktion auf die von ihnen gegebenen Impulse sind auch ein ausschlaggebender Maßstab der grenzüberschreitenden Bildung nach dem „Translimes”-Konzept.

Das Projekt nähert sich zwar offiziell seinem Ende, wird aber in den beteiligten Schulen fortgeführt. Die entwickelten Unterrichtsstunden und Schülerbegegnungen können regelmäßig stattfinden, die für ihren Bedarf entstandenen Unterrichtsmaterialien können um zusätzliche Methoden ergänzt werden, angebahnte Kontakte mit Schulen, Bildungseinrichtungen, Firmen und Unternehmen können vertieft werden und es können sich daraus neue Vorhaben ergeben. Sehr wichtig sind auch Kontakte unter den am Projekt teilnehmenden Lehrkräften, die „Translimes”-MultiplikatorInnen geworden sind. Vielleicht sehen sie dadurch ihre Arbeit, ihre SchülerInnen und Schule etwas anders. Die Begegnungen mit den KollegInnen von jenseits der Oder haben ihnen möglicherweise auch den Einblick in die dort herrschenden Bildungsstrukturen ermöglicht, indem gemeinsame Bedürfnisse und Ziele erkannt werden, was ohne Zweifel erlaubt, die deutsch-polnische Zusammenarbeit im Bildungsbereich noch besser zu gestalten. Das Projekt „Translimes – Schule in der Grenzregion” kommt ab heute in die zweite Umsetzungsphase. Diese Phase basiert auf den bereits erprobten und bewährten Elementen der breit verstandenen grenzüberschreitenden Bildung, aber sie wird auch angepasst an die noch kommenden Impulse.

Ich möchte allen an dem Projekt teilnehmenden polnischen und deutschen Schulen zur ausdauernden und erfolgreichen Arbeit an der Entwicklung und Implementierung des transnationalen Bildungsprofils gratulieren. Das Profil kam durch die Mitwirkung des gesamten Lehrkörpers und jeder einzelnen Schulleitung zustande und wurde durch die Umsetzung des von den Lehrkräften entwickelten Lehrplans mit Leben erfüllt. Das Profil wurde schließlich zu einem besonderen Merkmal der Schulen in der deutsch-polnischen Grenzregion. Dieses Profil wird sich - zumindest in absehbarer Zeit - nicht in eine nette Erinnerung verwandeln, sondern es bleibt ein nachhaltiger Faktor in der Gestaltung der guten deutsch-polnischen Beziehungen.

Ich danke Ihnen im Namen des ganzen Teams der KoordinatorInnen des „Translimes”-Projekts für Ihr Engagement und Zusammenarbeit während der Umsetzung dessen einzelner Etappen und ich wünsche Ihnen alles Beste in Ihrer künftigen didaktischen Arbeit.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Dr. Tomasz Lis
Trainer und wissenschaftlicher Betreuer im Projekt "Translimes"