Europejskie Centrum Transnarodowej Partycypacji

Terra Transoderana

Unterrichtsentwicklung für die deutsch-polnische Grenzregion

Grenzübergreifende Kooperation und ein zusammenwachsendes Europa sind nicht allein gesellschaftspolitische Aufgabe, sondern auch und vor allem Bildungsauftrag. Sie fordern schulische Lernprozesse heraus und bereichern sie. Gerade die räumliche Nähe und tägliche Relevanz der interkulturellen Begegnung, wie sie eine Grenzregion bietet, eröffnen wertvolle Lernchancen. Die abstrakte europäische Idee kann im Alltag konkret erlebt werden. Das Fremde und Neue sind spannend und inspirierend. Berufschancen, Freundschaften und Kultur warten beiderseits der Grenze. Schule kann helfen, diese zu entdecken und Vorurteile zu überwinden. Sie kann interkulturelle Begegnungen anleiten und Grenzen – in den Köpfen wie ganz real im Unterrichtsausflug – überwinden.

Tatsächlich ist der „Blick über die Oder“ im Unterrichtsalltag noch selten. Ausflüge in die Grenzregion jenseits des eigenen Landes bilden die Ausnahme. Die Sichtweise, Kultur oder Geschichte des Nachbarn lässt der eigene Unterricht meist seltsam unberührt. Die „terra transoderana“ bleibt eine schulisch noch kaum erschlossene „terra incognita“. Es fehlt an Ideen, Kenntnissen und konkreten Unterrichtskonzepten.

Dem Bildungs- und Begegnungszentrum Schloß Trebnitz ist es zu verdanken, dass sich polnische und deutsche Lehrende aus Schulen, Ausbildungslehrgängen und Hochschulen im Rahmen einer zweijährigen Fortbildung unter wissenschaftlicher Leitung von Matthias Busch und Tomasz Lis auf den Weg machten, um gemeinsam die Bildungsschätze der „terra transoderana“ zu entdecken. Ziel war es, praxistaugliche Unterrichtsvorhaben zu entwickeln, die lokalspezifisch an Themen, Orten und Historie der Grenzregion anschließen, Anlass für interkulturelle Lernchancen geben und begegnungsorientiert Lernprozesse mit Orten und Menschen beiderseits der Oder ermöglichen. Über 20 deutsche und polnische Lehrer nahmen an der dreitägigen Fortbildung „Terra Transoderana – deutsch-polnische Unterrichtskonzepte“ teil. Ausgehend von einem intensiven Austausch über eigene unterrichtliche und berufliche Erfahrungen, begann eine spannende Entdeckungsreise in die deutsch-polnische Grenzregion. Fachlich unterstützt und begleitet von Didaktikern und Bildungsforschern der Universitäten Posen, Frankfurt/Oder, Hamburg und Luxemburg entwickelten die Lehrkräfte in binationalen Tandems eigene Unterrichtsideen. Die entstandenen Konzepte zu regionalen Gegenständen erprobten sie in grenzüberschreitenden Jugendbegegnungen mit ihren eigenen Schülerinnen und Schülern im Bildungs- und Begegnungszentrum Schloß Trebnitz. Das Spektrum und die Vielseitigkeit der erzielten Unterrichtseinheiten überraschte alle Beteiligten.

So gelang es, Bildungsprojekte für alle Altersstufen und Schulformen zu erarbeiten: Grundschulen, Förderschulen, Berufsschulen und Gymnasien. Die Fülle der didaktisch erschlossenen Orte und Themen wird auch gut informierte Bürgerinnen und Bürger verblüffen und neugierig machen. Der Fokus lag auf dem deutsch-polnischen Oderland, bleibt der Region aber nicht verhaftet. Die Ergebnisse sind auf andere Grenzregionen übertragbar. Der dabei entstandene Sammelband dokumentiert das vielfältige Engagement der beteiligten Lehrerinnen und Lehrer aus Polen und Deutschland. Er möchte die entwickelten Projekte einer breiten Leserschaft zugänglich machen, zum Nachinszenieren der Unterrichtseinheiten einladen und zu neuen grenzüberschreitenden, interkulturellen Unterrichtsideen anregen. Dort werden die im Rahmen der Fortbildung entwickelten und erprobten Unterrichtseinheiten vorgestellt.

Ewa Antoniewicz-Gawron und Marta Janachowska Budych nahmen beispielsweise das jährliche Rockfestival Przystanek Woodstock (Haltestelle Woodstock) zum Ausgangspunkt ihres Unterrichtsprojekts. Sie konzipierten einen interkulturellen Englischunterricht, der unterschiedliche Aspekte der deutsch-polnischen Jugendkulturen vergleicht. Maciej Gasecki und Sergey Lapshin boten einen grenzüberschreitenden Geschichtsunterricht an, in dem die Geschichte des Templerordens auf dem Terrain der mittelalterlichen Mark Brandenburg und seine immer noch lebendigen Geschichtsbilder in der deutsch-polnischen Grenzregion thematisiert werden. Von aktuellen Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt in der deutsch-polnischen Grenzregion wurde schließlich die Unterrichtseinheit von Jochen Klapper und Hanna Strebel inspiriert – das Konzept beschäftigt sich mit der Spezifik des grenznahen Arbeitsmarktes im Bereich der Gastronomie. Berufsperspektiven und lokale Herausforderungen in einem gemeinsamen europäischen Wirtschafts- und Arbeitsmarkt werden thematisiert.

Die Projektbeteiligten hoffen, interessierten Leserinnen und Lesern auf diese Weise eine vielfältige Inspiration für eigene Unterrichtsprojekte geben zu können. Die Chancen, die die deutsch-polnische Grenzregion für produktive interkulturelle Lernprozesse bereithält, sind reichhaltig. Es lohnt sich, die Bildungsschätze der Terra Transoderana zu heben!

Die Publikation
"Lernen jenseits der Oder" (Hrsg. Matthias Busch, Tomasz Lis, Darius Müller)
ist eine Lehrerhandreichung für deutsch-polnische Unterrichtsprojekte und bietet Konzepte und Materialien für regionalspezifische Unterrichtseinheiten. (ISBN: 978-83-89250-03-2) Kostenlos bestellbar unter empfang@schloss-trebnitz.de